BREMEN re ·  Von einem Naturschützer erwarten die Menschen regelrecht, dass er ständig irgendwelche Frösche, Vögel oder Fledermäuse in der Tasche hat. So auch beim langjährigen Geschäftsführer des NABU, Sönke Hofmann. Insofern nimmt sich die Hausgans im Hause Hofmann noch recht gewöhnlich aus. Doch das von der Mutter verstoßene Küken ist nicht nur drollig, es gibt auch viel vom natürlichen Verhalten der Gänse preis.
„Dass es unter den Gänsen auch dumme Exemplare gibt, ist nicht nur sprichwörtlich sondern auch wahr“, schmunzelt Gänsestiefvater Sönke Hofmann. Nicht zum ersten Mal lief der „Prägung“ genannte Prozess bei den Gänsen im Schullandheim Dreptefarm schief. Während der ersten Lebensstunden prägt sich normalerweise die Beziehung zwischen Mutter und Küken unumstößlich. „Wenn dieser Prozess gestört ist, wird es grausam“, erklärt der gelernte Förster, „dann ist die Liebe des Kükens einseitig und die Mutter jagt es sogar davon.“ Solche Küken sind dann dem Tode geweiht, keine Tante oder Amme erbarmt sich der bettelnden Kleinen. Oft liegt die Störung im Brutprozess, wenn einzelne Eier weniger gewärmt oder später gelegt werden. Die zu spät schlüpfenden Nachzöglinge werden kaltherzig ignoriert.
Glück im Unglück hatte das Bayrische Landgänschen, das nun die Familie Hofmann auf Trab hält. „Nachdem ich gesehen hatte, dass das Küken immer wieder verjagt wurde, haben wir es zur Freude meiner Töchter als Familienmitglied auf Zeit aufgenommen“, so Sönke Hofmann. Die 13-jährige Reentje und die 10jährige Lientje kümmern sich nun bereits zum zweiten Mal um eine Gänsewaise. Das Startfutter, geschnittene Brennnesseln, Löwenzahn und andere Kräuter, bereiteten die Kinder ebenso begeistert wie routiniert frisch zu. In einer Obstkiste schlief das flauschige Küken sogar die ersten Tage neben dem Teenager.
„Gänse sind sehr eng miteinander verbunden, wenn man sich entscheidet, solch ein Küken aufzunehmen, gibt es nur direkte Nähe oder klägliches Geschrei“, erklärt der Naturschützer. Mit trillernden „Stimmfühlungslauten“ vergewissert sich das Kleine ständig der Nähe der Ersatzmutter. Nur wenige Minuten schläft sie so tief, dass sie auch mal still ist. „Das geht auf Dauer wirklich an die Nerven“, berichtet Hofmann mitfühlend.
Erstaunlich sei die „Marschfähigkeit“ der kleinen Gans. Rund vier Wochen nach dem Schlupf ist sie so groß wie ein Huhn und begleitet die Hofmann-Familie bei den abendlichen Hunderunden auf den eigenen Watschelfüßen. Dabei nutzt sie ihre derzeit nur mit lächerlichem Flaum bedeckten Stummelflügel, um das Gleichgewicht zu halten. „Wie ein Urmel auf der Flucht“, so Hofmann.
Dank des warmen Wetters kann einer der wichtigsten Instinkte des Tieres täglich gefördert werden: Die Gans schwimmt für ihr Leben gerne. Tagsüber in einer langsam zu klein werdenden Waschschüssel, abends zieht Familienvater Hofmann mit dem Zögling seine Runden im idyllischen Badeteich des Dorfes Wulsbüttel. Die kleine Gans nutzt den Aufenthalt für eine ausgiebige Gefiederpflege, taucht immer wieder ganz unter und trillert enthusiastisch ihre Stimmfühlungslaute.
Demnächst bricht die Familie zum Jahresurlaub auf, dann geht das Küken auf die NABU-Ferienfreizeit im Schullandheim und bekommt als jüngste Teilnehmerin eine große Ersatzfamilie. Das sei auch kein Problem für die Gans, so Sönke Hofmann: „Zum einen ist bei einer Zweitprägung wie auf unsere Familie die Bindung nicht so stark, zum anderen ist die Gans jetzt recht erwachsen, das richtige Federkleid spürt man schon unter dem Flaum durchkommen.“

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