CUXHAVEN sh · Hoher Besuch im Havenhostel konnte im Rahmen der von der Friedrich Naumann Stiftung ausgerichteten Veranstaltung „Digitale Gesellschaft in Estland“ von der FDP Politikerin Dr. Marie-Louise Rendant begrüßt werden. Der Honorarkonsul der Republik Estland Dr. Til Assmann war aus Bremen angereist, um seiner Aufgabe „als Vertreter Estlands“ gerecht zu werden. „Das Land touristisch vorstellen und vor allem für die wirtschaftliche Zusammenarbeit werben“, so sieht Assmann seine Aufgabe.
Und mit dem Vortrag zur digitalen Gesellschaft gelang ihm das sehr gut. Denn in Estland scheint man schon in der digitalen Zukunft angekommen zu sein, während es in Deutschland erheblich bescheidener aussieht. Wobei Assmann zwischen der Infrastruktur und der Anwendung zu unterscheiden empfahl. Im Vergleich zu Deutschland allerdings macht das keinen großen Unterschied. So ist in Estland Breitband überall verfügbar und das Recht auf Internetzugang gesetzlich verankert. Als Ergebnis ergibt sich daraus, dass 100 Prozent aller Schulen und Regierungsorganisatoren in jedem Raum mit Computern ausgestattet sind, dass 99 Prozent der Geschäftswelt mit Computern arbeitet und 85 Prozent der Familien Computer zu Hause besitzen. Um einen schnellen, aber sicheren Umgang mit den eigenen Daten zu garantieren, haben die Esten die „Software“ sehr schlank und einfach gehalten.
So wurde verpflichtend für alle Staatsbürger 2002 der elektronische Personalausweis eingeführt. Mit ihm haben die Bürger nicht nur eine ID-Card, sondern gleichzeitig auch eine Krankenkassenkarte, eine Registrierung für eigene Fahrzeuge, einen Zugang zur persönlichen Bank und vieles mehr. Der Clou dabei ist eine lebenslang gültige E-Mail-Adresse mit Klarnamen. Das bedeutet, dass ein estischer Bürger von seinem Computer alles selbst regeln kann. Fahrzeuge anmelden, seine Krankenkarte einsehen, Adressänderungen erledigen, all dies geschieht von zu Hause aus. Menschenschlangen vor Ämtern sind in Estland unbekannt. Und sicher ist das System auch. Bislang ist kein Fall von Identitätsdiebstahl oder -missbrauch bekannt.
Dass den Zuhörern bei den Schilderungen Assmanns die Frage in den Sinn kam, warum ein so einwohnerschwaches Land im Baltikum der reichen Industrienation Deutschland soweit voraus ist, konnte Assmann nur teilweise erklären. „Ein Grund ist sicherlich die Zeit der Loslösung aus der ehemaligen UDSSR. Estland musste bei Null anfangen, ähnlich wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Das heißt, es musste nichts geändert werden, sondern komplett neu aufgebaut werden. Ein Standortvorteil, den die meis­ten Deutschen trotz allem Neides auf die digitale estische Gesellschaft nicht anstreben. Trotzdem war man sich im Publikum über den Vorsprung Estlands in Sachen digitales Zeitalter einig.

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