LANDKREIS re · Am Bahnhof Geestenseth beginnen in Kürze beim Theater „Das Letzte Kleinod“ die Proben für ein Dokumentartheater über die Geschichte der Russlanddeutschen. Schon im Mai feierte eine erste Fassung des Stückes auf dem Lessing-Festival in Wolfenbüttel die erfolgreiche Premiere. Jetzt geht das ungewöhnliche Stück „Gesalzene Wassermelonen“ im Güterzug auf Tournee zu Bahnhöfen im Elbe-Weser-Dreieck. Vom 10. bis 13. November macht es am Bahnhof Bremerhaven Station, vom 15. bis 17. November am Museumsbahnhof Bad Bederkesa sowie vom 20. bis 22. November am Amerika-Bahnhof am Steubenhöft Cuxhaven. Die Zuschauer erfahren in vier Güterwaggons hautnah, wie die deutsche Wolga-Republik zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zerschlagen wurde.
Die Hitze flirrte über der Steppe, als der Autor Jens-Erwin Siemssen im vergangenen Sommer die kleine Bergarbeiterstadt Schachtinsk im Norden Kasachstans besuchte. Hier suchte er nach deutschstämmigen Zeitzeugen, die 1941 auf Befehl von Stalin nach Kasachstan deportiert wurden. Als Volksfeinde sollten sie in den Arbeitsarmeen im Bergbau schuften.
In einem kleinen Hinterhof traf der Autor eine 82-jährige Dame, die die Vertreibung von der Wolga als Kind miterlebte. Am meisten litt sie mit den Tieren, die sie zurücklassen mussten. Keiner hatte sich um das Vieh gekümmert. Die Kühe liefen in die Kornfelder und fraßen sich voll, bis sie jämmerlich an Koliken verreckten. Wochenlang wurden sie dann mit dem Güterzug von der Wolga bis nach Kasachstan deportiert. Sie durften nur mitnehmen, was sie selbst tragen konnten. Gleich nach der Ankunft wurde ihr Vater in die Arbeitsarmee zum Bergbau eingezogen. Die Familie sah ihn nie wieder. Sein Lieblingsessen waren „Gesalzene Wassermelonen“, eine russische Spezialität.
Katharina die Große hatte die Deutschen einst aus Hessen und aus Schwaben an die Wolga geholt, um das fruchtbare Land zu besiedeln. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in den neunziger Jahren siedelten Hunderttausende von Russlanddeutschen nach Deutschland über. Nach 250 Jahren, so sagen die Russlanddeutschen, kehrten sie jetzt zurück nach Hause. Während sie in ihrer alten Heimat in Kasachstan als Deutsche galten, wurden sie hier in Deutschland als Russen angesehen. Denn kaum jemand in Deutschland kennt die Hintergründe ihrer langen Reise durch die Geschichte.
Das Stück „Gesalzene Wassermelonen“ entstand auf der Grundlage von 15 Interviews, die in Kasachstan und in Niedersachsen geführt wurden. Die Geschichten spielen auf landwirtschaftlichen Kolchosen, in Erdhütten, in sibirischen Wäldern und im kasachischen Bergwerk. Die Bühnenräume wurden mit Stroh, Grassoden, Stammholz und Kohle gestaltet.
Die Zuschauer werden in kleinen Gruppen von Waggon zu Waggon geleitet. Einlass jeweils um 18.30, 19 und 19.30 Uhr. Für den Besuch der Vorstellung wird warme und strapazierfähige Kleidung empfohlen. Für Kleidung wird keine Haftung übernommen. Die Vorstellung dauert circa 65 Minuten und am Ende gibt es einen heißen Tee.
Karten für die Aufführungen sind telefonisch unter (04749) 10 300 60 oder im Internet unter www.das-letzte-kleinod.de erhältlich.

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