LANDKREIS tw · „Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist bereits halb eins“, machte Jürgen Diekmann, Leiter des Kastanienhofs Elmlohe auf die akute Situation im Pflegebereich aufmerksam. Nicht nur Pflegepersonal fehle, es gebe auch eine riesige Anfrage nach Pflegeplätzen, die nicht da seien. „Die Politik hat nicht nachgedacht“, sagte er und war mit seiner Kritik am vergangenen Donnerstag an der richtigen Stelle.
Die SPD Cuxland hatte zum Cuxland-Gespräch „Arbeiten in der Pflege“ in das Gasthaus „Zur Mühle“ in Sievern eingeladen und sah sich dabei Forderungen gegenüber, die dringender Lösung bedürfen, auf die es aber keine einfachen Antworten gibt, wie an diesem Abend deutlich wurde. Er fühle „einen Hauch der Ohnmacht und des Ärgers“, gab der Kreisvorsitzende Uwe Santjer, MdL, zu und fasste sich an die eigene Nase: „Die Politik kann nicht so tun, als ob sie von dem Thema nichts gewusst hätte.“
Schon vor zehn Jahren hätte das Thema in Angriff genommen werden müssen, fand Diekmann. Die Pflegekräfte seien schon lange an ihrer Grenze. „Sie können und wollen nicht mehr, sie fühlen sich veräppelt und gehen lieber zu Aldi oder Lidl als in der Pflege zu bleiben.“
„Ganze Jahrgänge verschwinden so vom Radar“, sieht er sich von Andreas Pomplun, Leiter vom Margarethenhof Debstedt, bestätigt. Politik und Gesellschaft hätten es versäumt, rechtzeitig gegenzusteuern. Es fehle an Wertschätzung, Zeit, besserer Bezahlung. „Die Pflege geht so den Bach herunter“, sagte er. Um den Pflegekräftemangel entgegenzutreten müsse der Beruf attraktiver gemachte werden. Deshalb plädieren Pomplun und Diekmann für eine Bezahlung, die über Tarif geregelt wird. „Die Pflege wird teurer, dass muss jedem bewusst sein.“ Dabei betonte Diekmann, dass es den Mitarbeitern nicht ums große Geld gehe, sondern vor allem um die Wertschätzung, für die auch die Einrichtungen selbst einiges tun können, etwa mit einer vernünftigen Arbeitszeit- und Urlaubsplanung. Als ein Problem sieht Pomplun auch Pflegeheime, die zwar einstellen, aber nicht ausbilden wollen.
Doch auch wenn die Politik Dinge auf sich habe zukommen sehen, auf die sie nicht reagiert habe, scheint jetzt doch Bewegung ins Spiel zu kommen. Ein erster richtiger Schritt sei es gewesen, die Pflegeausbildung kostenfrei zu machen, so Santjer. Durch die neu gegründete Pflegekammer auf Landesebene sieht er zudem eine stärkere Lobby erwachsen. Dort gebe es Ansprechpartner, „die der Politik die Stirn bieten können. Kleine Schritte“, wie er zugab, „aber nur mit kleinen Schritten kommen wir weiter“.
Auf ein weiteres Problem machte die Kreistagsabgeordnete Annette Faße, Vorsitzende des Sozialausschusses, aufmerksam. Viele Menschen wüssten gar nicht, welche Pflegeleis­tungen es gibt. Sie plädierte deshalb dafür, Kranken- und Pflegekassen dazu zu zwingen, richtig über die verschiedenen Leistungen zu informieren. Zusammen mit ihrem Kreistagskollegen Gunnar Böltes will sie sich zudem dafür einsetzen, das erhoben wird, warum Pflegekräfte „vom Radar verschwinden“ und welche Rahmenbedingungen es braucht, um sie wieder für den Pflegeberuf zu begeistern.

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