BREMERHAVEN tw · „Wie geht das? Wie funktioniert es, Opfer der Nationalsozialisten zu sein und dann Täter in einer anderen Diktatur zu werden?“ Eine Fragestellung, die Kulturstadtrat Michael Frost bewegt, seit er vom Erscheinen des Buches „Karl Salomon: Linientreu von West nach Ost.“ gehört hat. Am Mittwoch letzter Woche stellte Autor Walter Mülich sein neues Buch im Casino der Weser-Elbe Sparkasse vor, das die Biographie des überzeugten Kommunisten nachzeichnet, der von 1919 bis 1945 in Bremerhaven gelebt hat, hier als „Roter Steuermann“ bekannt war und in der DDR zum Staatssekretär wurde. Salomon habe dabei nicht nur viele geschichtliche Ereignisse miterlebt, sondern teilweise auch entscheidend mitgeprägt, so Stadtarchiv-Leiterin Dr. Julia Kahleyß, in deren Haus das Buch erschienen ist.
Walter Mülich zeichne ein persönliches Bild des linientreuen Parteigenossen, der selbst schwere Haft und lebensbedrohliche Repressionen erlebte, aber später selbst bereit war, äußerste Härte zur Durchsetzung seiner politischen Vorstellungen zu akzeptieren und auch zu praktizieren. Mülich habe es dabei verstanden sich nicht nachträglich wertend zu äußern. „Er ist den Gründen der individuellen Motivation nachgegangen und hat die Motive des Handelns Salomons kritisch hinterfragt“.
Für sein Buch hat Mülich unter anderem im Stadtarchiv Bremerhaven geforscht, Unterlagen der SED ausgewertet und auch Erinnerungen von Salomons Tochter Erika boten ihm Einblicke in die Person des „Roten Steuermanns“, dem er sich „sachlich, kritisch und mit gebotenem Respekt“ genähert hat.
Nach Ende des Ersten Weltkriegs erlebte Salomon den Matrosenaufstand in Kiel und Bremen mit, war Angehöriger eines Soldatenrates. 1923 trat er in die KPD ein und stellte sich „mutig, tapfer, antifaschistisch“, so Mülich, gegen das Regime der Nationalsozialisten. Fast zehn Jahre verbrachte er in dieser Zeit in Haft. Nach seiner Befreiung aus dem KZ Sachsenhausen blieb er im Osten Deutschlands und war am Aufbau der DDR beteiligt, wurde 1958 Staatssekretär und Stellvertreter des Ministers für das Verkehrswesen. Sein Aufstieg und Fall seien eng mit dem Leben und Wirken seines Freundes und Förderers Ernst Wollenweber verbunden. Der spätere Minister für Staatssicherheit, sei in den Jahren vor 1945 für zahlreiche Schiffsattentate verantwortliche gewesen, und soll diese Sabotageaktionen in den späten 1940er Jahren und zu Beginn des Korea-Krieges fortgesetzt haben. Mülich geht in seinem Buch deshalb auch der Frage nach, ob Karl Salomon daran beteiligt war, ob Verbindungen zwischen Bremerhaven und der Ostsee, zwischen alter Bundesrepublik und DDR aktiv geblieben sind. „Ein Leben, das Kraft, Mut, doktrinäre Härte und persönliche Unerbittlichkeit erfordert“, so Mülich, der in seinem neuen Buch vier Schwerpunkte gesetzt hat: Den regionalen Aspekt, den Weg eines deutschen Kommunisten, die Grauzonen nicht nur in Salomons beruflichen und politischen Leben und die Frage der persönlichen Disposition. Warum blieb er linientreu? Warum gestaltete er sein Leben im Kielwasser der Partei? Lässt sich aus früher Erlebtem das spätere Handeln erklären?
Ein Buch mit aktuellem Hintergrund, wie Frost findet. Auch heute bestehe die Gefahr, dass sich Menschen in vielfältiger Weise von der Demokratie abwenden. Mülichs Buch könnte mit helfen zu verstehen warum Menschen dies tun und „wo wir ansetzen können, um Menschen in der Demokratie zu halten.“
„Mit Karl Salomons Biografie hat es Walter Mülich geschafft, nicht nur einen wichtigen Baustein zur Bremerhavener-, sondern auch zur DDR-Geschichte vorzulegen“, betonte Kahleys Stellvertreter Dr. Florian Dirks, inzwischen Kreisarchivar in Verden.
Das 268-Seiten starke Buch mit zahlreichen Abbildungen ist im Buchhandel für 22,90 Euro erhältlich.

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