BREMERHAVEN tw · „Wir haben immer eine Wahl, und sei‘s, uns denen nicht zu beugen, die sie uns nahmen.“ Mit diesen Gedichtzeilen des Lyrikers Reiner Kunze eröffnete Ralf Altenhof, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) Bremen im t.i.m.e. Port II die Lesung „Dichter sein“. „Ein stiller und ruhiger aber wortgewaltiger, ja wortmächtiger Dichter“, so Althof, „der unangepasst war und ist und dessen Lebensthema die Freiheit ist“.
In diesem Jahr wurde der Dichter und Literaturübersetzer 85 Jahre. Für die KAS Anlass zum Jahresabschluss den Autor Udo Scheer einzuladen, der vor fünf Jahren in seinem Buch „Reiner Kunze – Dichter sein. Eine deutsch-deutsche Freiheit“ dem Lebensweg Kunzes nachgegangen ist und dessen umfangreiches Werk in Zusammenhang mit dem geteilten und auch wiedervereinigten Deutschland stellt. Im Wechselspiel mit dem Liedermacher Andreas Schirneck – einst Duo Partner der DDR-Rocklegende Klaus Renft – der Gedichte von Reiner Kunze vertont hat, las Scheer aus seinem Buch. Und so entstand ein umfassendes Bild des Lyrikers, der mit zahlreichen Preisen, darunter dem Georg-Büchner-Preis, geehrt wurde, aber auch zeitlebens polarisierte.
Als zu Kunzes 80. Geburtstag die Anfrage kam, ein Porträt über den Dichter zu schreiben, eines Weltautors, der in über 30 Sprachen übersetzt wurde, „wollte ich erst gar nicht“, erinnert sich Scheer. „Da wir uns aber noch aus Zeiten kannten, die dunkel waren“, hat er ihn angerufen, und nachgefragt, was er von der Idee hält. „Verschmitz und bescheiden – bei ihm geht beides zusammen – sagte er, da müssen wir wohl durch in diesem Jahr. Wenn Sie das auf sich nehmen wollen.“ Er wollte, traf sich mit ihm für mehrere Tage zum Gespräch, konnte auf 3.750 Seiten aus Stasi-Akten zurückgreifen. Und fand bei seiner Recherche noch 3.500 weitere Seiten. So standen ihm minutiöse Berichte aus Kunzes Leben zur Verfügung, die nicht mit der erzwungenen Ausreise 1977 zu Ende waren.
Es waren „Die wunderbaren Jahre“, das Buch, das Kunze weltberühmt gemacht hat, die ihn endgültig zur unerwünschten Person werden ließen. Dabei stand er Anfangs dem System noch nahe, setzte sich aber schon früh für die Freiheit der Gedanken ein. Zunehmend gerät Kunze in Konflikt mit propagierter Haltung und eigenem Denken, wie Scheer aufzeigt. Kurz vor seiner Promotion endet seine universitäre Laufbahn. Wegen Liebeslyrik, die die Studenten entpolitisieren könnte. Gedichte von denen er sich nicht distanzieren wollte. Und schreibt dazu später die kurzen Zeilen „Unwissende, damit ihr Unwissend bleibt, werden wir euch schulen.“ Durch seine spätere Frau Elisabeth lernt er die tschechische Literatur kennen, macht sich auch einen Namen durch ihre Nachdichtung. Mit seiner Kritik an der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 landet er auf der schwarzen Liste der DDR-Medien und Verlage. Als Kunze zum Ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste berufen wird und zur Entgegennahme des Ernennungsurkunde eingeladen wird, bot ihm Kulturminister Hoffmann verschiedenes an, damit er die Ernennung ablehnt: „Eine angemessene Abfindung in D-Mark, eine Wohnung in Berlin innerhalb von vier Wochen. Ein Wochenendgrundstück an einem Berliner See innerhalb eines Jahres und ein Pkw westlicher Produktion.“ Als er sagte, dass er die Mitgliedschaft nicht widerrufen möchte, „hat er erst lange geschwiegen. Dann sagte er resignierend: ‚Herr Kunze, dann kann auch der Minister für Kultur Sie nicht mehr vor einem Unfall auf der Autobahn bewahren.‘“. Die „Zersetzungsmaßnahmen“ dokumentiert er später in seinem Buch „Deckname: Lyrik“.
Doch auch im Westen wird er – nach seiner Ausreise – attackiert. „In einem Interview äußert er seine Überzeugung. ‚Von dort – und damit meine ich nicht die Himmelsrichtung, den Osten, sondern ich meine das jetzt dort real existierende gesellschaftliche System, von daher kommt kein neuer Anfang für die Menschheit, von da her nicht.‘ Dieser Satz, sagt Reiner Kunze, hat mir fast das Genick gebrochen.“ Er erntete aggressive Reaktionen. „Was hatte ich gesagt?! Ich hatte die Grundvereinbarung, die in einer bestimmten Gruppe von Intellektuellen galt, zutiefst verletzt, nämlich: Die DDR sei der bessere Staat.“ Gerüchte werden über ihn gestreut, „nach dem Erscheinen von ‚Deckname: Lyrik“ führen verdeckte Kräfte einen Psychokrieg gegen den Schriftsteller“, so Scheer, der in seinem Buch auch aufzeigt welch zerstörerische Kraft gestreute Gerüchte entfalten können und wie sie selbst heute noch, obwohl widerlegt, bei manchem immer noch für wahr gehalten werden.

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