Ein lauter Protest

Feb 12, 2020

LANDKREIS tw · Angefangen hat alles mit einem stillen Protest – grünen Kreuzen auf Feldern. Aber aus dem stillen wurde ein lauter Protest, denn die Stimmen der Landwirte wurden ihrer Meinung nach zu wenig gehört. Und so wurden aus An-, Über- und Herausforderungen Treckerdemos, wie Julia Grebe, Geschäftsführerin des Wesermünder Landvolkkreisverbandes am vergangenen Mittwoch auf einer gemeinsamen Sitzung der Ausschüsse für Regionalplanung, Wirtschaft und Tourismus sowie für Umwelt-, Klima- und Verbraucherschutz und Landwirtschaft aufzeigte. Und auch an diesem Tag kamen die Landwirte mit ihren Treckern, um auf ihren Stellenwert für die Gesellschaft hinzuweisen (Foto: tw).
Grebe macht dabei vor allem eines deutlich: „Wir wollen, dass mit uns geredet wird. Denn auch wir wollen etwas für unsere Kulturlandschaft tun.“ Dies müsse aber Fakten basiert passieren und nicht ideologisch begründet. Mit ein Grund für die Ausschüsse, die Landwirte einzuladen und mit der gemeinsamen Sitzung „zur Sachaufklärung beizutragen“, wie Enak Ferlemann, Vorsitzender des Regionalplanungsausschusses, betonte.
In einem Parforceritt zeigt Grebe die wichtigsten Themen auf: Auflagen beim Insektenschutz, Bürokratismus anstatt pragmatischer Ansätze, Wettbewerbsverzerrung durch billige Konkurrenz aus dem Ausland, zu wenig Wertschätzung der Lebensmittel, Flächenverbrauch.
Und sie machte deutlich, dass es auch nichts bringe, eine Quote für Biobetriebe zu fordern. „Höfe, die auf Biomilch umstellen wollen, finden keine Molkereien“, sagte sie, denn es fehle der Markt.
Doch es ist vor allem ein Thema, das die Landwirte aktuell auf die Straße treibt: die neue Düngeverordnung, die von der Europäischen Union aufgrund zu hoher Nitratgehalte im Grundwasser gefordert wird.
„Und da wo tatsächlich zu hohe Nitratwerte sind, wollen wir was machen“, so Grebe. Sie fordert hierfür jedoch ein repräsentatives und mit anderen EU-Ländern vergleichbares Messstellennetz. Denn die Landwirte sehen in der Erhebung der Werte eine Diskrepanz zu den Erhebungen der anderen Länder. Diese würden die Ergebnisse aller Brunnen weitergeben. Deutschland sei jedoch anders vorgegangen, zeigte Landwirt Horst Meyer von der Organisation „Land schafft Verbindung“, die die Treckerdemos organisiert, auf. Von den über 8.600 Messstellen seien im Jahr 2012 nur circa 170 und 2016 auch nur rund 700 Messstellen an die EU gemeldet worden. Und diese kämen zumeist aus belas­teten Gebieten. Selbst wenn ein hoch belasteter Punkt verschwinde, folge ein weiterer hochbelasteter nach. So könne es keine Verbesserung geben. Den Widersinn machte Meyer an einem Beispiel deutlich. „Stellen Sie sich vor, man möchte feststellen wie viel Verbrecher es in Deutschland gibt und sucht sich als Messpunkt die Gefängnisse aus. In Deutschland gäbe es dann vor allem Verbrecher.“ Und wenn einer das Gefängnis verlasse, komme woanders ein neuer dazu. Es würden nie weniger.
„Wenn wir es nicht schaffen das neutral zu bewerten, wird es bald keine Landwirte mehr geben“, ist er sich sicher.
Die derzeitige Stimmung führe dazu, dass selbst als sicher eingestufte Höfe „das Handtuch schmeißen wollen“, bestätigte Claus Schnakenberg vom Beratungsring Beverstedt. Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern würden, blieben von rund 100 Milchbauern gerade einmal 22 übrig. Und stellt angesichts dieser Zahlen die Frage: „Ist eine Agrarproduktion in Deutschland überhaupt noch gewünscht.“ Schnakenberg macht hierfür auch einen fehlenden Maßstab der Menschen verantwortlich. Was er anhand von Luftbildern deutlich machte. So zeigte er etwa ein große weiße Flächen auf einer Breite von rund 30 Kilometern. „Das ist keine Gletscherlandschaft, das ist Biogemüseanbau unter Folie in Spanien für Aldi und Lidl.“ Mit Blick auf eine Luftbildaufnahme von Wesermünde, die vor allem kleinteilige grüne Flächen zeigte, sagte er: „Wir haben keine flächenzehrende Landwirtschaft, sehr viel Grün und gesunde Strukturen.“
„Wir sollten wertschätzen, was wir vor Ort haben“, befand dann auch Jan Heusmann, Vorsitzender der Landvolks Wesermünde. „Unsere Betriebe brauchen Rückenstärkung, das Gefühl, dass sie gewollt sind.“ Er machte für den Landkreis vor allem zwei Punkte aus „die uns unter dem Nagel brennen“. Wirtschaftsdünger-Lager im Außengelände, die viel zu zögerlich genehmigt würden und die Grünlanderneuerung, für die Landwirte die Genehmigung der Naturschutzbehörde brauchen. „Hier müssen wir zu flexibleren Verfahren kommen.“

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