Es geht los…

Mai 6, 2020

Wer kennt sie nicht? Die Vorfreude. Beim Fußball zum Beispiel. Wenn Zig-Tausende den Gassenhauer „Jetzt geht’s los“ grölen, bevor sie sich nach dem Spiel tatsächlich in den Gassen hauen. Die Vorfreude auf ein freies Leben ist da. Wie den Fußballfans – gut die werden, ist zu hoffen, sich noch eine Zeit lang virtuell in den Gassen hauen müssen – geht es gerade ganz Deutschland. Ganz Deutschland?
Nein! Ein vom Virus gebeuteltes mit Erstwohnsitzlern bevölkertes Bundesland hört zwar nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist dementsprechend nicht leicht für die römischen Legionäre, ähh, chinesischen Viren in den Städten und auf dem Land. Aber nun, wo es losgehen soll, reicht es auch. Mit dem Fremd-bestimmt-sein inklusive Bußgeldkatalog. Das trübt nämlich die Vorfreude ein wenig.
Gott sei es dem Teutates oder jeder anderen Entität gedankt, bislang sind wir auf der gesundheitlichen Schiene noch knapp an der ganz großen Katastrophe vorbei geschrammt. Zumindest stimmt das Gefühl, wenn wir voller Empathie, auf unsere direkten europäischen Nachbarn im Süden schauen. Dass jeder von uns – bis vor Corona noch undenkbar – dabei auf vieles verzichten musste, die freiheitlich, demokratische Grundordnung samt dem dazu gehörigen Gefühl beispielsweise, ist von fast allen in Kauf genommen worden. Nun aber, mit immer neuem Wissen um den Virus, regt sich etwas, was man nicht als Widerstand, aber doch als Widerspruch deuten muss. Und das ist für die Mehrheit der Deutschen ähnlich ungewohnt, wie der zwangsweise Verzicht auf den deutschen Gral: Die Fußball-Bundesliga. Zur Erinnerung: Deutschland ist in Sachen Revolution bislang eher durch Mäßigung aufgefallen. Ein Sturm auf das der Bastille vergleichbare Schalker Stadion ist daher nicht zu befürchten und gelbe Westen werden bei uns nur getragen, wenn das eigene Auto auf der Autobahn liegen bleibt.
Um einen bedeutenden Berliner Spitzenpolitiker zu zitieren: „Und das ist auch gut so.“ Denn wirtschaftlich wartet eine Aufgabe auf uns, die ähnlich unbezwingbar scheint wie ein Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Dazu braucht es Freiheit. Auch die Freiheit, unter Umständen falsche Entscheidungen zu treffen. Das ist der Preis der Mündigkeit. Das ist der Preis des Lebens, wie wir es bislang führen wollten und geführt haben. Die demokratischen deutschen Politiker tun deshalb gut daran, auf die Stimmung im Volk zu achten. Und sie tun es auch. Zumindest hier im Norden.
Und das macht Mut. Man kann den Sinn eines Strandverbotes für alle in gestreiften Hemden anzweifeln. Man kann auch über geschlossene Kneipen und die für die ganz jungen Menschen ähnlich wichtige Schließung von Spielplätzen streiten. Man kann und sollte auch die Forderung nach Bildungsmöglichkeiten laut formulieren. Aber wir alle sollten auch, jedenfalls bis wir über ausreichend Zaubertrank inklusive heilender Wirkung verfügen, in den Dialog mit der Politik und nicht den reinen Widerstand treten. Und wir sollten tatsächlich, ohne Ungeduld, die Vorfreude genießen. Also, Mut gefasst und mit unseren – denn das sind sie nun mal – Volksvertretern die nächsten Schritte auf den Weg in die neue Normalität planen und gehen. Dann werden wir auch die Sache mit der Wirtschaft – auch die mit den liquiden Produkten – auf die Reihe kriegen.

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