OTTERNDORF tw · Als Massum Faryar Anfang letzter Woche zu Fuß vom Bahnhof kommend auf das Gärtnerhaus am Süderwall zukam, ging ihm nur ein Wort durch den Kopf: „Magisch“. Der aktuelle Otterndorfer Stadtschreiber fühlte sich gleich angekommen. Dass er in Otterndorf gut aufgehoben sein würde, war ihm schon bei der Jury-Vorstellung im Dezember letzten Jahres klar. Das lag vor allem an einer Person. Jury-Mitglied Hans-Volker Feldmann, der ihn an seinen Professor aus Münchner Zeiten erinnerte, der wie ein Vater zu ihm war. „Seine Ausstrahlung, die Art wie er spricht – da habe ich gleich gewusst, hier bin ich in den besten Händen“, sagt er und fügt hinzu: „Bei ihm hat man das Gefühl, dass er ganz genau weiß, wovon er redet.“ Um nicht enttäuscht zu werden, habe er sich jedoch, auch wegen der Konkurrenz, keine große Hoffnung gemacht. Umso größer war seine Überraschung und Freude als er Anfang des Jahres die positive Nachricht erhielt.
Und so machte er sich Mitte Mai von Berlin aus auf den Weg zu seinem neuen Zuhause auf Zeit. Und im Gepäck hat er schon einige Texte für seinen neuen Roman. Doch wie bei jedem von uns, hat auch bei ihm die Corona-Krise seine Ideen und Gedanken durcheinandergewirbelt, sein geistiges Leben und Schreiben beeinflusst. Und sein Konzept, an dem er seit letztem Jahr arbeitet, über den Haufen geworfen. In seiner Zeit in Otterndorf sieht er sich jetzt mit der Frage konfrontiert, welche Themen für diese Zeit relevant sind. Und welche Rolle Otterndorf spielen wird. „Ein Ort, den ich magisch finde“.
In Otterndorf verspricht Faryar sich Inspiration als Allegorie auf die jetzige Zeit. „Otterndorf hat in mir eine Art Fieber ausgelöst. Ein geis­tiges Fieber.“ Und er hofft hier eine Erzähltechnik zu entwickeln, die der Zeit gerecht wird. Und fand bereits am zweiten Tag Inspiration, als er mit dem Fahrrad an die Elbe fuhr. „Ich war so begeistert, dass ich dort bis zum Abend saß“, erzählt er. „Diese Einsamkeit hat in mir etwas Mystisches ausgelöst“. Und sich in ihm ein innerer Monolog, ein innerer Dialog entwickelt. Formen, mit denen er auch in seinem neuen Werk spielen will.
Geboren 1957 in Herat/Afghanistan, kam Faryar in den 1980er Jahren als politischer Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland. An der LMU München studierte er Literaturwissenschaft und Politik, später promovierte er an der FU Berlin. Seit 2007 arbeitet er als freischaffender Schriftsteller.
Schon als kleiner Junge mit zwei, drei Jahren soll er gesagt haben „Ich werde Dichter.“ Bereits im Grundschulalter faszinierten ihn Poesie und Literatur, schrieb er erste Gedichte. Autoren wie Tols­toi, Kafka oder Kundera mit ihrer Art zu erzählen, ihrer Fabulierlust faszinierten ihn.
Faryar schreibt Gedichte, politische Essays, literaturkritische Texte und war auch als Übersetzer tätig, übertrug etwa im Auftrag des Goethe-Instituts die Grimm‘schen Märchen von Deutsch ins Persische. Eine Arbeit, an die er sich gerne erinnert, verriet ihm doch ein Kollege, dass er die Übersetzung für noch schöner als das Original halte.
Für seinen ersten Roman, der vor fünf Jahren erschien, ließ er sich Zeit, „denn es braucht eine lange Zeit, um sich in einer neuen Sprache zu Hause zu fühlen“, sagt Faryar. Und noch heute empfindet er die Sprache als größtes Hindernis. Deutsch sei eine Sprache des exakten Ausdrucks, sei technisch und konstruiert. Und Sprache bestehe immer aus Klischees, bestimmten Formulierungen und Metaphern. Wer sie nicht von klein auf lerne, könne nicht unbewusst sprechen oder schreiben. Ein Nachteil, den er zu seinem Vorteil genutzt und aus der Not eine Tugend gemacht hat. Er habe gelernt, „im tranceähnlichen Zustand Bilder und Metaphern zu entwickeln“. Was seinen Stil einzigartig macht.
Man darf also gespannt auf seinen zweiten Roman sein, von dem Faryar schon so viel verriet: Held ist ein Autor der seine Geschichte sucht, sich überfordert fühlt von den vielen Geschichten, die ihm durch den Kopf gehen und die er unter einem Dach bringen will. Es geht um Freiheit, Identität, Vorurteile. Aber auch um Einsamkeit. Doch er stehe noch am Anfang. „Ich bin hier auf der Suche“, betont er und hofft in Otterndorf fündig zu werden.

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