„Komme bald!“

Jun 11, 2020

LANDKREIS tw · Eigentlich wollten Juliane Lenssen und Jens-Erwin Siemssen vom Theater „Das Letzte Kleinod“ schon vor ein paar Wochen ihr Programm für dieses Jahr vorstellen. Doch auch ihnen kam das Corona-Virus in die Quere. Angedachtes musste verschoben, zum Teil auch abgesagt werden.
Doch die Zeit blieb nicht ungenutzt, wie Juliane Lenssen bei einem Pressegespräch am Dienstag sagte. Jens-Erwin Siemssen hatte sich schon Anfang des Jahres nach New York begeben, um für ein neues Projekt zum Thema Auswanderung zu recherchieren und mit Zeitzeugen zu sprechen. So konnte sich ein ehemaliger Liftboy auf einem Schiff noch gut an Aufenthalte in Bremerhaven erinnern. An den Jazzclub „Chico‘s Place“ wo er am Schlagzeug gejamt hatte und an einen Kuckucks­uhren-Laden, vor dem er sehnsuchtsvoll stand, weil er gerne seiner Mutter eine als Geschenk mitgebracht hätte, aber das Geld dafür einfach nicht reichte.
Interviews von denen Juliane Lenssen ganz begeistert ist. „Man merkt wie dankbar die Menschen sind, dass im Gespräch ihre Erinnerung hochgeholt und geschätzt wird. Eindrücke und Lieder, die Jahre lang verschüttet waren“, sagt sie und fügte hinzu: „Es ist faszinierend zu hören, wie die Geschichten langsam Kontur gewinnen.“ Geschichten der verschiedenen Zeitzeugen, die sich immer wieder kreuzen „und so dann für das Theater funktionieren“. Da man zurzeit aus New York weder hinaus noch hineinkommt, musste das Projekt erst einmal auf Eis gelegt werden, auch wenn es online schon ein paar Proben gegeben hat.

Juliane Lenssen stellte auf dem Gelände des Bahnhofs Geestenseth, dem Standort von „Das Letzte Kleinod“, die Vorhaben der nächsten Monate vor Foto: tw

Doch das Kernteam konnte die Ruhe für weitere Vorbereitungen nutzen, für ein Projekt das nächstes Jahr ansteht. Der Anstoß kam von der Hermann-Allmers-Gesellschaft. Sie fragten beim „Letzten Kleinod“ an, ob sie nicht Interesse hätten, sich auf Spurensuche über den Heimatdichter Allmers zu begeben, dessen 200. Geburtstag im nächsten Jahr gefeiert wird. Das Kleinod-Team war gleich begeistert, etwas über den Mann aus Rechtenfleth zu machen. „Einen weltoffenen und kunstbegeisterten Mensch, der viel gereist ist“, so Lenssen. Und so nutzt Siemssen jetzt die Zeit um vor Ort direkt im Hermann-Allmers-Haus zu recherchieren, kann dort auch im Haus übernachten und so die Atmosphäre der Zeit in sich aufnehmen.
Doch auch beim „Letzten Kleinod“ kann es jetzt bald richtig losgehen. Ab nächs­ter Woche ist das gesamte Team wieder vor Ort am Heimatbahnhof Geestenseth. Der richtige Ort für das kleine Team. Abstände können eingehalten und das Außengelände für Proben unter freiem Himmel genutzt werden. Und am 29. Juni reisen die Schauspieler für das aktuelle Dokumentartheater „Komme bald!“ an. 75 Jahr nach Ende des 2. Weltkriegs wollten die Theatermacher das Thema aus einem anderen Blickwinkel betrachten – dem der Kriegsheimkehrer. Für das Stück berichteten Zeitzeugen, inzwischen hochbetagt, von ihrer verlorenen Jugend in sibirischen Lagern. Sie waren damals noch Kinder, als sie kurz vor Ende des Krieges an die Front geschickt wurden. Erst Jahre später kehrten sie aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zurück. Erste Station war das Lager Gronenfelde am Stadtrand von Frankfurt/Oder. Und von hier aus konnten sie ein Telegramm nach Hause schicken: „Komme bald!“.
Im Gespräch erzählten sie von der Kindheit in der Hitlerjugend, von der Verblendung durch den Faschismus und von der Verrohung der Jugendlichen im Kriegsgeschehen. Wie sie im Lager überlebten und schließlich in die Freiheit entlassen wurden. Konnten sie ihre Erlebnisse jemals verarbeiten? Und was bedeutete die Rückkehr für die Familie? Erzählungen, die zum jetzigen Theaterstück verdichtet wurden.
Die Premiere findet am Samstag, 1. August, um 19 Uhr am Museumsbahnhof in Bad Bederkesa statt. Weitere Vorstellungen finden am 2. und 3. August jeweils um 19 Uhr statt. Danach geht es vom 7. bis 9. August nach Worpswede. Und von dort aus reist der Ozeanblaue Zug nach Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Das Stück findet draußen, in und vor alten Güterwaggons statt. Die Tribüne für Zuschauer bietet genug Platz um die Mindestabstände einhalten zu können. Denn auch wenn es wieder losgeht, „heißt es ‚Safety first‘, damit sich jeder mit einem guten Gefühl die Aufführung ansehen kann und auch für unsere Mitarbeiter sicher ist“.
Tickets sind ab Juli und wegen der begrenzten Sitzplätze nur im Vorverkauf erhältlich.
www.das-letzte-kleinod.de

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