Schuldiger gesucht

Mrz 18, 2021

Nun ist aber gut, denken Sie? Sollte man meinen, aber irgendwie ist der Wurm im Virus. Erst kommt er getarnt als schwere Grippe, um sich dann ganz schnell als pandemischer Virus zu erkennen zu geben. Dann denkt er sich, warum so bleiben wie ich bin, anders ist auch schön. Und Schwups, wechselt er zu geografisch benannten Mutanten á la Südafrikanischer, Britischer oder Südamerikanischer Virus.

Auch die Zielgruppe des selbigen wird zeitlich, räumlich und gesellschaftlich gerne schnell durch ihn angepasst. Ohne Vorankündigung. Kaum hat die Menschheit vermeintlich einen Impfstoff gefunden, diesen vorrangig für die bis dato größte Gruppe Gefährdeter – den Älteren und körperlich Schwachen – vorgesehen, nimmt Corona, nennen wir den Dämon beim Namen, nun die Jüngeren ins Visier. Im Rheinland sagt man zu so einem, er sei „ein fieser Möpp“. Ist er auch!

Und wir Menschlein glotzen vielfach dumm, verleugnen manchmal noch dümmer und suchen und benennen wahllos Schuldige. Was ebenfalls irgendwie dumm ist. Aber wir haben ja in den letzten Jahren gelernt, dass die Schuld immer bei irgendwem liegt. Und wir denjenigen dann haftbar machen können.

Jetzt ist das bei einem Virus nicht so ganz einfach. Wie soll man jemanden haftbar machen, dessen biologische Kernkompetenz und seine gesamte Existenz auf Krankheit ausgerichtet ist? Sehen Sie, gar nicht. Da hilft die Flucht in den Sarkasmus.

Also folgen wir dem Prinzip „Schuld hat auf jeden Fall jemand“, suchen und werden auch schnell fündig. Vom Masken verweigerndem Nackenpuster im Supermarkt mit der ärztlichen Bescheinigung, keine Maske tragen zu müssen, bis hin zum Spitzenpolitiker, der dauernd etwas verspricht, was dann nicht einzuhalten ist. Denn so was ist ja sowas von ärgerlich. Nur gut, dass wir selbst die Krise besser meistern würden. Sofort natürlich, und ganz besonders effektiv. Ist wie bei der Fußball-Nationalelf und dem jeweiligen Trainer.

Beispielsweise würden wir sofort alle Mitbürger, auch die, die uns ansonsten nerven, mit einem risikolosen Impfstoff immunisieren. Weil der nicht in ausreichender Menge ad hoc zur Verfügung steht, würden wir die Produktionskapazitäten per „ordre de mufti“ von der Pharmaindustrie einfordern. Wer nicht mitzieht, macht sich schuldig und passt dementsprechend in unser bisheriges Lebenskonzept. Und würde natürlich sofort verstaatlicht. Gleichzeitig würden wir das Maskenprinzip noch stärker durchsetzen. Per Zwangsgeld, nötigenfalls mit Kurzhaft. Passende Verfahren werden vor Ort von zuvor von Schnell-Geschulten Bürgerrichtern durchgeführt. Räumlichkeiten für derartige Prozesse können das Büro des Supermarktleiters oder unter den Trockenhauben der Gott sei Dank weiterhin geöffneten Friseurläden sein.

Natürlich würden auch alle anderen Geschäfte wieder geöffnet. Von den Restaurants und Hotels ganz zu schweigen. Alles offen, treten Sie ein. Nicht die Tür, sondern ganz zivilisiert durch den Haupteingang. Im Restaurant, ähnlich wie in den Läden, erwartet den Kunden dann eine Atmosphäre, die erstaunlich an Isolierzellen auf Alcatraz erinnert. Irgendwelche nicht tragbaren, fest im Boden montierte Ganzkörperkondome machen es möglich, siehe Woody Allen. Und da wir ja so unsere Freiheit wieder haben, brauchen wir auch nicht weiter nach Schuldigen zu suchen. Selbst ist der Bürger, und denen da oben haben wir es so richtig gezeigt. Und das Beste daran: wir müssen nicht länger an Schuldigen für was auch immer suchen. Schließlich haben ja wir die Verantwortung übernommen.

Oder wir akzeptieren, dass wir es mit einer Katastrophe zu tun haben, wo es keine Schuldigen gibt und konzentrieren uns darauf, dem Virus gehörig in den Hintern zu treten. Wie es sich in einer Demokratie gehört: mit Diskussionen, manchmal Streit, so manchem Fehler und Irrweg, aber immer im Dialog und vor allem Gemeinsam. Denn mal los!

Ihr Stefan Hackenberg