Wo das Gleis zur Bühne wird. Kohlezug ist dokumentarisches Theater mit aktuellem Bezug Foto: Haulleville

GEESTENSETH sh · Dieser Zug rollt. Ob Lokführerstreik oder nicht. Mit dem Stück „Kohlezug“ folgt das Ensemble des Theaters „Das letzte Kleinod“ einer mittlerweile 30-jähriger Tradition: Dokumentarisches Theater darf es sein. Und mit „Kohlezug“ nimmt „Das letzte Kleinod“ ein wahrlich aktuelles Thema auf, und geht doch zugleich zurück zu den Wurzeln deutscher Nachkriegswirtschaftsgeschichte. Es geht um Braunkohle und eigentlich um mehr. Das Stück erzählt vom Bergbau, der Transformation der Industriebrachen und dem Klimawandel durch die Kohleverbrennung. Und vor allem von den Menschen in den Revieren. Längst vergessene Berufsbezeichnungen und eine fast eigene Sprache sind auch Ausdruck von Identifikation mit dem Beruf. Und zu zeigen, warum der Strukturwandel einer Region auch immer mit Verlust zu tun hat.
Nun also Eisenbahntheater im Zug. Mal wieder und doch ganz anders. Das Letzte Kleinod kommt mit dem aktuellen Stück „Kohlezug“ nach Geestenseth. Vom 4. bis zum 8. September wird an bis zu zwei Vorstellungen pro Spieltag um 19 Uhr corona-konform die Geschichte der Braunkohle und der Menschen in den Revieren erzählt. In mehreren Schüttgutwaggons als Bühne zeigen die Szenen in den offenen Wagen Dokumentarisches aus den ehemaligen Braunkohletagebaugebieten in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Dazu wird parallel in jedem Schüttgutwagen eine Szene gezeigt. Das Publikum wird, aufgeteilt in mehrere Gruppen, von Wagen zu Wagen geführt. Und ein Hinweis sei erlaubt: Kohl ist staubig, das weiße Sommerkleid und die hellgrauen Slipper sollten zuhause bleiben.
Hundert Jahre lang war Braunkohle zur Wärmegewinnung und Stromerzeugung von enormer Wichtigkeit. Nun ist spätestens für 2038 der Kohleausstieg geplant, denn die Braunkohle ist ein wesentlicher Faktor der globalen Erwärmung. Dass auch das Cuxland und die Häfen in Bremerhaven und Cuxhaven eine besondere Beziehung zur Kohle haben, zeigen alte Bezeichnungen wie das „Kohlepier“ in Bremerhaven. Nicht nur die Werften, auch die Schiffe selbst brauchten das schwarze Gold.
In der Vorstellung „Kohlezug“ kommen Menschen zu Wort, die dem Tagebau mit seinen riesigen Maschinen und den harten Arbeitsbedingungen oft leidenschaftlich verbunden waren. Die Vorbereitung auf dieses Stück waren umfangreich und zeitintensiv. Seit Herbst 2019 führte „Das Letzte Kleinod“ Interviews mit Ingenieuren, Lok- und Baggerfahrern, Betriebsleitern, Gewerkschaftern, Sicherheitsposten, Kraftwerkern und Gleisarbeitern. Daraus entstanden szenische Texte, die mit Schauspielern im Helmstedter Revier nahe dem Tagebau „Treue“ zu einer Vorstellung entwickelt wurden. Bergbaubetriebe und Traditionsvereine stellten Relikte zur Verfügung, die in der Theatervorstellung verwendet werden. Und die ehemaligen „Kumpel“ und Arbeiterinnen zeigen sich von der Vorstellung begeistert: „Ja, genauso war es“.
Für alle Interessierten gilt: Informationen finden sich vorab über die aktuellen Uhrzeiten der Vorstellungen und die Bedingungen bzgl. der Hygiene-Vorschriften auf der Homepage www.das-letzte-kleinod.de. Die Veranstaltungen finden unter freiem Himmel in den offenen Schüttgutwaggons statt, für Kleidung und ggf. Schäden wird keine Haftung übernommen.