Von seiner Wohnung in Cuxhaven ist es für Stefan Wenzel nur ein kurzer Weg zum Wochenmarkt Foto: tw

LANDKREIS tw · Ein Gespräch mit Freunden am Küchentisch kann manchmal ganze Lebensläufe in eine andere Richtung führen. Zwar war Stefan Wenzel viele Jahre in der Jugendarbeit und in Anti-Atom-Initiativen aktiv, eine politische Karriere war jedoch nicht Teil seiner Lebensplanung. Als er im Frühjahr 1986 mit einem Freund beim Frühstück an eben besagtem Küchentisch über Tschernobyl und die Folgen diskutierte, hatte dieser jedoch eine Idee: „Warum treten wir nicht bei den Grünen ein“. Gesagt, getan. Als er dort dann gleich gefragt wurde, ob er bei der Kommunalwahl nicht für den Kreistag kandidieren wolle, war seine Reaktion: „Ich mache doch jetzt ein landwirtschaftliches Praktikum.“ „Wir werden eh nicht gewählt, aber wir brauchen einen Kandidaten“, so die Antwort. Ein Trugschluss wie sich zeigen sollte. Und seine politische Karriere begann.
15 Jahre saß Wenzel im Göttinger Kreistag, fünf Jahre im Ortsrat Groß Lengden. Er fand großen Gefallen an der politischen Arbeit, und hat dann auch den Sprung in den Landtag gewagt, dem er seit 1998 angehört, war von 2013 bis 2017 im Kabinett Weil Minis­ter für Umwelt, Energie und Klimaschutz. Atom-, Energie- und Umweltpolitik waren und sind seine Themen. In seine Zeit als Verkehrsreferent bei Bündnis 90/Die Grünen fielen zudem die Themen Häfen und Schifffahrt in seinen Zuständigkeitsbereich. Aktuell ist er in der Landtagsfraktion der Grünen Sprecher für Haushalt und Finanzen. Ein Thema, das ihm als Agrarökonom nicht fremd ist. „Deshalb lagen mir die Bilanzen immer nahe.“ Für ihn mit einer der wichtigsten und interessantesten Bereiche. „Alles was man in der Politik realisieren will, braucht am Ende auch eine gute Finanzierung.“
Als Umweltfachmann gibt es für den 59-Jährigen auf die Frage, ob die Klimaveränderung zum Wohlstandskiller oder Jobmotor wird, nur eine Antwort: „Beides. Wenn wir der Klimakrise konsequent begegnen kann es ein Jobmotor werden. Wenn wir zugucken und handeln unterlassen, kann es unsere ganze Art zu leben, zu wirtschaften und zu arbeiten in Frage stellen.“ Deutschland sei immer dann wirtschaftlich erfolgreich gewesen, wenn es auch innovative Produkte entwickelt habe, die auch in anderen Teilen der Welt nachgefragt wurden. „Wir sind nicht umsonst Exportnation und deswegen müssen wir bei Windkraft, Solarenergie und Wasserstoff die Technologieführerschaft anstreben. Und dann werden auch sichere und gute Arbeitsplätze in diesen Bereichen erhalten werden oder neu entstehen.“ Als Beispiel nannte er Siemens, die 30 Jahre lang nur Werke im Ausland gebaut haben. „Das erste Werk das wieder im Inland gebaut wurde, war Siemens Gamesa in Cuxhaven, weil Deutschland beim Thema Offshorewind technologisch vorne war. Das dürfen wir jetzt nicht verspielen.“
Wenn jetzt die gute Fee vorbeischauen und ihm einen Wunsch freigeben würde, weiß er deshalb ganz genau wie dieser aussehen soll: „Das wäre in der Tat der Wunsch, dass wir unsere Energieversorgung auf Windkraft, Solarenergie und Erdwärme stützen, um schwere Folgen für unsere Enkel und Urenkel zu vermeiden.“ Er selbst geht dabei mit gutem Beispiel voran. Mit seiner Frau – die drei Töchter sind inzwischen aus dem Haus – lebt er in Groß Lengden in einem Wohnprojekt bestehend aus mehreren Niedrig­energiehäusern, die durch ein gemeinsames Blockheizkraftwerk sowie eine gemeinsame Photovoltaikanlage versorgt werden. Dass er jetzt für den Wahlkreis Cuxhaven/Stade II als Direktkandidat antritt hat vor allem zwei Gründe. Entgegen der Erwartung sei sein Kollege Hans-Jürgen Trittin nicht in den Ruhestand gegangen. Auf eine Kampfabstimmung wollte er es nicht ankommen lassen, um den Kreisverband Göttingen nicht zu zerreißen. Dass die Wahl auf Cuxhaven fiel, hatte einen einfachen Grund: „Zu Cuxhaven habe ich eine enge Verbindung, war hier schon in den letzten Jahren sehr viel unterwegs.“ Windkraft, Hafenentwicklung, Deichsicherheit Havariekommando waren dabei nur einige Themen, die ihn in die Region führten. „Zudem ist Cuxhaven von der klimapolitischen Seite ein Kris­tallisationspunkt. Zum einen die Nutzung von Wind­energie auf See und auf Land, andererseits aber auch der Küstenschutz. Wenn wir beim Klimaschutz nicht erfolgreich sind, wird man das hier sehr direkt merken.“
Sollte er gewählt werden, sieht er seine Aufgabe darin, die Menschen im Wahlkreis zu vertreten, und sich für die Projekte vor Ort engagieren. Und erklärt dazu: „Ein Regierungsmitglied hat da nochmal ein ganz andere Sorgfaltspflicht. Er hat immer die Aufgabe die gesamte Republik im Blick zu behalten. Und muss sehr vorsichtig sein, wenn er im eigenen Wahlkreis agiert. Ein lokaler direkt gewählter Abgeordneter muss sich für seinen Wahlkreis einsetzen.“
Zur viel diskutierten Frage ob man, wie etwa in den USA, die Amtsdauer hoher politischer Ämter begrenzen sollte, hat er eine klare Haltung. „Die USA haben ja ein Präsidialsystem, das heißt der Präsident hat eine viel stärkere Stellung als bei uns die Bundeskanzlerin. Sie kann jeden Tag durch ein Misstrauensvotum abgewählt werden. Bei uns ist das Parlament deutlich stärker als in den USA. Deshalb halte ich eine Begrenzung bei uns nicht für erforderlich.“
Und auch wenn er ein sich aufblähendes Parlament durchaus kritisch sieht, „halte ich unser Wahlsystem, die Kombination aus Verhältniswahlrecht und Direktwahl von Abgeordneten, grundsätzlich für sehr gut“. Er ist froh in einer Demokratie zu leben, die sich für ihn an fünf Kriterien misst. „Gibt es eine Legislative, eine Exekutive, eine Judikative, gibt es eine freie Presse und gibt es eine lebendige Zivilgesellschaft.“ Auch Europa sei ein Kontinent der Demokratie, „und das müssen wir mit aller Macht verteidigen, weil das stützt nicht nur unser Grundrecht, sondern ist auch die Grundlage unseres Wohlstandes“, betont er und fügt hinzu: „Demokratie ist immer, wenn sie gut funktioniert, in der Lage ist Fehler zu erkennen, Fehler zu korrigieren und umzusteuern. Diktaturen dagegen laufen oft starken Männern hinterher, und wenn sie in die falsche Richtung laufen, stürzen sie das Land ins Unglück.“ Und hebt noch einen weiteren Vorteil hervor. „Das Gute an Deutschland ist, dass es eine große Bereitschaft gibt, miteinander zu reden.“
Wichtig gerade auch in Zeiten der jetzigen Pandemie, die die Frage aufwirft, wie viel Egoismus der Einzelne sich gegenüber der Gesellschaft erlauben darf? Oder andersherum gefragt: Wie viel Druck darf die Gesellschaft auf die auf individuelle Rechte pochenden Einzelnen ausüben? „Jeder hat individuelle Bürgerrechte, das ist auch wichtig, aber natürlich hat jeder von uns auch eine Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl“, sagt Wenzel. Wer zum Beispiel Quarantäne ignoriere, sei gegenüber anderen Personen sehr verantwortungslos. Die Pandemie zeige aber auch, „wie abhängig wir in der Welt voneinander sind. Bei der Bekämpfung von Covid-19 müssen wir nicht nur in Deutschland gut sein, sondern in der ganzen Welt. Wir müssen global auch die Länder im Blick haben, die sich Impfstoffe nicht so einfach leisten können wie wir. Es braucht ja nur ein Land übrig bleiben und ein paar Reisende, und wir haben in zwei Monaten wieder eine Mutante, die uns zurückwirft“, sagt er und erklärt: „Wir leben in einem Netzwerk und das bedingt individuelle Freiheiten bringt aber auch Verantwortung mit sich.“
Im Bereich der Arbeitspolitik kann er sich eindeutig mit der Aussage „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ identifizieren. Er findet es wichtig, dass im Betrieb, aber auch in der Gesellschaft Bezahlung möglichst gerecht ist. „Und das, was wir zurzeit unter anderem mit Werkverträgen erleben, dass Menschen in einem Betrieb sind, die dieselbe Arbeit machen, aber unterschiedlich bezahlt werden – das ist Gift für jeden Betrieb, ist aber auch gesellschaftspolitisch hochproblematisch.“
Und was würde er einem potenziellen Wähler, der ihm in einer Diskussion sagt, es gäbe eine Überfremdung der Deutschen Kultur, entgegnen. „Das halte ich für falsch“, sagt er entschieden. „Und meistens sind diese Leute auch falsch informiert. Die Mathematik, die Astronomie, die Medizin, die Gitarre, vieles was wir heute selbstverständlich benutzen, kommt aus dem arabischen Kulturraum. Und Europa war immer ein Ort wo die besten Ideen aus vielen Teilen des Kontinents dazu beigetragen haben, das sich Gesellschaften weiter entwickelt haben.“
Gibt es in Stefan Wenzels Leben eigentlich einen Fehler, den er wiederholen würde? Da muss er erst einmal lange überlegen und findet dann doch eine Antwort: „Jeder von uns macht Fehler, manchmal kleine, manchmal große. Aber man muss sie nicht wiederholen“, findet er.
Und gibt es einen Fehler, den er bereut? „Ich würde mir heute oft mehr Beratung holen“, sagt er und nennt ein Beispiel: „Während des Studiums habe ich mit Freunden eine Weinhandlung gegründet, wo wir am Anfang viele Fehler gemacht haben. Wenn ich das heute im Rückblick sehe, denke ich mir, wenn wir damals erfahrene Ältere angesprochen hätten, dann wäre dieses Unternehmen schneller gewachsen und wir erfolgreicher gewesen. Sich auch als junger Mensch Rat von Älteren, den anderen Blickwinkel zu holen, habe ich als junger Mensch viel zu selten gemacht.“
Natürlich beantwortet auch Wenzel zum Ende des Gesprächs unseren Abschlusssatz: Denk ich an Deutschland in der Wahlnacht, „freue ich mich, dass wir in einer lebendigen Demokratie leben, auf die man stolz sein kann“.