LANDKREIS sh · Keine Frage. Berührungsängste mit dem Unbekannten, dem „anderen“, sind Daniel Schneider fremd. Muss auch so sein. Sonst hätte der studierte Kultur-, Event- und Marketingmanager nicht aus einem kleinen Musikfestival im Fort Kugelbake mit rund 500 Zuschauern ein mittlerweile über 50.000 Fans lockendes Riesenevent auf und neben den Deichen des Cuxlandes machen können. Dafür ist Daniel Schneider in der Region bekannt, und das ist auch eine veritable Eintrittskarte für den Zug nach Berlin. Da will der mittlerweile 44-jährige Vater von zwei Kindern nämlich hin, im Gepäck Chancengerechtigkeit, Klimaneutralität und vor allem der Wunsch, eine „enkeltaugliche“ Zukunft mit zu gestalten.
Der geborene Cuxhavener hat nach dem Studium in Dortmund und auf der Münchener Medienakademie und in Hamburg zurück ins Cuxland gefunden. Dass er hier nicht nun nur das Deichbrandfestival organisiert, sondern auch mitverantwortlich für die Hapag-Hallen zeichnet sowie weitere Veranstaltungen managt, wird allerdings nach einer erfolgten Wahl „wohl erstmal ruhen müssen“, wie er sagt. Das sei nicht Folge der Lockdowns, die für ihn als Veranstalter in mehrerer Hinsicht schmerzhaft waren, sondern Zeichen für den Wunsch, die Zukunft intensiver zu gestalten. „Deshalb auch der Schritt in die sogenannte große Politik“, wie er sagt. Enkeltauglich sei hier das Stichwort, und dazu gehöre auch eine weitere Spaltung der Gesellschaft zu verhindern.
Es brauche neue Zukunftsperspektiven an jeder Milchkanne sowie attraktive Jobs, gute Bildungs- und Betreuungsangebote. Eine verbesserte mobile und digitale Infrastruktur, eine gute und flächendeckende Gesundheitsversorgung und konsequenter Klimaschutz führe zu dem, was er „Enkeltauglich“ nennt.
Schwierig sei die Bewertung von möglichen Egoismen in der Gesellschaft. Das sei auch eine Schwierigkeit bei der Bewertung des sozialen Verhaltens in Zeiten der Pandemie. „Corona hat gezeigt, dass wir in einer sehr solidarischen Gesellschaft leben.“ Ein starker Sozialstaat könne abweichende Meinungen ertragen, aber dürfe Extreme nicht nur in Sachen Pandemie einfach akzeptieren. Das erreiche man am fairsten in der Kommunikation und nicht über die dauerhafte Entziehung der Grundrechte.
Und ganz elektrisch reagiert er bei der Frage, ob er gleichen Lohn für gleiche Arbeit oder gleicher Lohn für gleiche Leistung befürworte. „Wenn es um die Frage Lohngleichheit im Osten oder in der Geschlechterdiskussion ginge, dann natürlich für gleiche Arbeit.“ Wobei besondere Leistungen auch in der Entlohnung berücksichtigt werden müssten. Auch die Frage, wie weit er denn die Demokratie gefährdet sähe, stößt erstmal auf Stirnrunzeln.
„Was aktuell fehlt, ist der ehrliche Austausch zwischen Politik und Wählern. Um das zu ändern und gleichzeitig Demokratie zu stärken, müssen wir vor allem jungen Menschen mehr Raum in der politischen Diskussion geben. Mein Wunsch als künftiger Bundestagsabgeordneter ist es, je Quartal eine Zukunftskonferenz in den Hapag-Hallen zu veranstalten.“
Am Beispiel eines ständig anwachsenden Parlamentes und ob einer möglichen Gefahr für die Demokratie dadurch, sei Vielfalt das beste Mittel gegen Einfalt. „Das Parlament muss ein Querschnitt der Gesellschaft sein, alle Altersgruppen repräsentieren und möglichst alle Interessensgruppen vertreten.“ Allerdings müsse das Parlament auch leistungsstark sein beziehungsweise bleiben.
Das sähe man auch beim Europäischen Parlament. Die EU sei sowohl Wirtschaftsunion als auch Werteunion. Sie müsse nur endlich begreifen, dass konsequentes Handeln die Demokratie sichere. Er sei jedoch grundsätzlich dagegen, Ökologie gegen Ökonomie auszuspielen. Das würde auch sein Prinzip untermauern, in Berlin sowohl für überregionale Interessen einzutreten und zeitgleich den Wähler vor Ort zu vertreten. „Es ist eine wesentliche Funktion eines Bundestagsabgeordneten, den Wahlkreis in Berlin zu vertreten.“
Ein Problem im momentanen Verwaltungssystem sieht er in der steigenden Bürokratie. „Das Verwaltungssystem braucht ein Update.“ Bürgernähe und Digitalisierung dürften sich nicht gegenseitig behindern. Als Beispiel nennt Daniel Schneider die Kontaktnachverfolgung in Sachen Pandemie. Einen hohen Datenschutz zu wahren und gleichzeitig die Pandemie zu bekämpfen, sei an manchen Punkten nicht geglückt. Hier aktiv zu bleiben, würde die Zukunft entscheidend beeinflussen. Viel mehr, als die Frage, ob ein Wahlprogramm heute noch gedruckt werden müsse, oder ob eine digitale Version nicht doch ausreiche. „Das Wahlprogramm der SPD ist es wert gedruckt zu werden und macht auch digital eine gute Figur.“
Zurückhaltend reagiert Daniel Schneider bei der Frage nach einer zeitlichen Beschränkung von politischen Ämtern. Hierbei habe er keine „abschließende“ Meinung. Wichtig sei allerdings, junge Menschen in die Politik zu führen und dort zu etablieren. Doch wer über Jahre „gute und erfolgreiche Arbeit“ leiste, sollte nicht qua Edikt aus seinem Job verdrängt werden.
Sehr allergisch reagiert Daniel Schneider beim Thema Fremdenfeindlichkeit und sogenannter Überfremdung der deutschen Kultur. „Das teile ich nicht, diese Denke. Über gesellschaftliche Spaltung wird viel geredet. Ich möchte wirklich etwas dagegen tun. In Zeiten von zunehmender gesellschaftlicher und politischer Polarisierung und wachsendem Rechtspopulismus werden unsere kritischen Stimmen wichtiger denn je. Extremistische Kräfte versuchen, die Grundfesten unserer Demokratie und unseres Zusammenhalts zu erschüttern. Hier können wir mit klarer Haltung, politischer Bildung und nicht zuletzt einer starken Kulturpolitik Einhalt gebieten.“
Überhaupt ist Daniel Schneider beim Thema „Kultur“ sehr hellhörig. Und setzt auch hier auf Dialog. „In Zeiten von zunehmender gesellschaftlicher und politischer Polarisierung und wachsendem Rechtspopulismus werden unsere kritischen Stimmen wichtiger denn je. Extremistische Kräfte versuchen, die Grundfesten unserer Demokratie und unseres Zusammenhalts zu erschüttern. Hier können wir mit klarer Haltung, politischer Bildung und nicht zuletzt einer starken Kulturpolitik Einhalt gebieten – auch mit starken Initiativen gegen Hass und Lügen. Durch Kunst und Kultur schaffen wir es, den Dialog zwischen uns Menschen zu stärken und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu fördern.“
Diese Haltung der Überprüfung der eigenen Position, zeigt Daniel Schneider auch in Sachen Klima. Er nennt das „missionsorientierte Wirtschaftspolitik“. „Grundlage für eine missionsorientierte Wirtschaftspolitik ist, dass sie allen zugutekommt und gerecht finanziert ist: Mit öffentlichen Mitteln geförderter technologischer Fortschritt muss dem sozialen und ökologischen Fortschritt dienen.“ Ein Jobmotor in der Zukunft halt.
Überhaupt ist das Thema Klima und Umwelt für ihn von immenser Bedeutung. Stichwort „Niedersächsischer Weg“. Gemeint ist ist eine in dieser Form bundesweit einmalige Vereinbarung zwischen Landwirtschaft, Naturschutz und Politik. Das Papier verpflichtet die Akteure, konkrete Maßnahmen für einen verbesserten Natur-, Arten- und Gewässerschutz umzusetzen. „Landesregierung, Landwirtschaft und Naturschutz haben damit eine Vereinbarung über mehr Naturschutz und Artenvielfalt abgeschlossen, um sich den Herausforderungen des Klimawandels, des Insektensterbens und des Verlusts biologischer Vielfalt auf landwirtschaftspolitischer Ebene zu stellen. Hier dürfen wir jetzt aber nicht nachlassen und müssen für die Landwirtschaft Anreize schaffen, diesen Weg der Zukunft mitzugehen.“
So wäre sein Wunsch an eine gute Fee, sie möge bitte eine klimaneutrale Welt schaffen. Und selber blickt er in die Glaskugel mit der Vervollständigung des Satzes „Denke ich an Deutschland in der Nacht …“ mit „… bin ich zuversichtlich auf eine starke Sozialdemokratie, auf die ich stolz bin.“