Bilder einer 100jährigen Familiengeschichte

"Zwei Herren im Anzug" im Studiokino Taubenhof in Cadenberge

CADENBERGE re · “Zwei Herren im Anzug”, ein Film von und mit Josef Bierbichler sowie mit Simon Donatz, Martina Gedeck, Irm Hermann und Catrin Striebeck, zeigt das Studiokino Taubenhof in Cadenberge am Freitag, 5. Oktober, um 19.30 Uhr.
Ein Wirtshaus am Starnberger See im Jahr 1984. Nach der Beerdigung der Mutter und dem Leichenschmaus sitzen der Wirt Pankraz und sein Sohn im ehemaligen Tanzsaal zusammen. Nach langer Zeit reden sie erstmals wieder miteinander. Sie sind sich nicht besonders nah, eigentlich nie gewesen, doch nun lassen sie die Vergangenheit passieren, die Bilder einer 100jährigen Familiengeschichte: zwei Weltkriege, alliierte Besatzung, der erste Traktor, Kalter Krieg, Wirtschaftswunder, Flüchtlinge, Studentenunruhen, die Familie.
Das Kompromisslose ist Bierbichlers eigentliche Leidenschaft. Während er von Menschen erzählt, die mit ihrer Heimat und ihrer Herkunft, ihren Erinnerungen und ihren Verletzungen nicht im Reinen sind, schwelgt er selbst in Bildern, die keinerlei Konventionen und Begrenzungen kennen. Der Faschingsball, auf dem Catrin Striebeck einen unvergesslichen, fassbinder-würdigen Auftritt als weiblicher Adolf Hitler hinlegt, gipfelt schließlich in einer grandiosen Unwetter-Sequenz: Begleitet von Wagners „Fliegendem Holländer“ steht Pankraz auf einem Steg am See und verflucht die Heimat, die er nie abschütteln konnte. Aber es ist doch eine Unmöglichkeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Josef Bierbichler gehört seit Jahrzehnten zu den prägnantesten Schauspielern der deutschen Szene – dreimal wurde er als bester Schauspieler ausgezeichnet. Außerdem hat er zwei Romane geschrieben. Nach Motiven seines letzten – von der Kritik gefeierten – Romans “Mittelreich” hat er diesen Kinofilm gedreht und ein aussergewöhnliches Ensemble versammelt: Die Fassbinder-Schauspielerin Irm Herrmann und vor allem Martina Gedeck spielen wunderbar, und Josef Bierbichler als Hauptdarsteller, mal polternd und grantelnd und immer tief melancholisch, ist ein Ereignis. Dazu wechseln prallbunte Faschingsszenen wie Catrin Striebeck in Hitler-Verkleidung und fast surreale Visionen mit kargen Bildern aus dem Alltag. Ein praller, poetischer und wunderbar starker Film.

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