Matrosenaufstand

Verein „Gegen Vergessen - Für Demokratie“ zu Besuch in Wilhelmshaven

Erika Fischer vor einem Aufruf, der auch von einem Cuxhavener mit unterzeichnet wurde Foto: tw

CUXHAVEN tw · Es war das Aufbegehren kriegsmüder Matrosen gegen ein aus ihrer Sicht als sinnlos empfundenes Auslaufen ihrer vor Wilhelmshaven liegenden Hochseeflotte, die zu einem gesellschaftlichen Umsturz führte, einer Revolution, die das Ende des Kaiserreichs besiegelte und an deren Ende der Beginn der Demokratie in Deutschland stand.
Unter dem Titel „Die See revolutioniert das Land“ ist zurzeit eine Sonderausstellung im Deutschen Marinemuseum Wilhelmshaven zu sehen, die diesen Matrosenaufstand beleuchtet und zeigt, wie die erste deutsche Demokratie erstritten wurde. Sie zeichnet aber auch das Auseinanderdriften der Gesellschaft in den darauf folgenden Auseinandersetzungen nach. Eine Ausstellung, die damit nicht nur von Demokratie, sondern auch Radikalisierung erzählt. Für die Cuxhavener Arbeitsgruppe des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ Grund genug sich die Ausstellung am vergangenen Mittwoch anzusehen, sind es doch zwei Phänomene, die uns auch heute interessieren sollten, wie Museumsleiter Dr. Stefan Huck zur Eröffnung der Ausstellung Ende Mai sagte. „Nicht nur in Deutschland erleben wir derzeit ein gesellschaftliches Auseinanderdriften und eine Radikalisierung, die droht, unsere Demokratie zu gefährden. Die Ausstellung kann vielleicht mit einem historischen Beispiel helfen, Nachdenklichkeit und Wachsamkeit zu erzeugen.“
Beim Rundgang durch die Ausstellung entging der Vereinsvorsitzenden Erika Fischer nicht, dass ein Plakat der Berliner Marineräte aus der Revolutionszeit 1918, das zur Einigkeit und zum gemeinsamen Aufbau eines neuen, demokratischen Staates aufrief, auch von Otto Tost, Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates Cuxhaven unterschrieben wurde.
Für sie von besonderer Bedeutung, denn als Leiterin des Joachim-Ringelnatz-Museums plant auch sie eine Ausstellung zu 100 Jahre Novemberrevolution, allerdings mit Joachim Ringelnatz im Mittelpunkt. In seinem Buch „Als Mariner im Krieg“ gibt er einen authentischen Bericht auf die Cuxhavener Sicht, natürlich persönlich gefärbt. Anfangs noch voller Enthusiasmus beginnt er 1914 seinen Einsatz bei der kaiserlichen Kriegsmarine, erzählt von seinen Erlebnissen bis zum 29. November 1918, also vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Novemberrevolution. Seine Erinnerungen will Fischer in Bezug zur Revolution und zum Arbeiter- und Soldatenrat Cuxhaven setzen, der im Januar 1919 auch in Cuxhaven eine „Sozialistische Republik“ ausrief, die aber nur ein paar Tage hielt . Die historischen Fakten dazu sollen Exponate aus dem Stadtarchiv untermauern.
Zur Sprache kommen dabei auch Widersprüche Ringelnatz‘. So fand er den Aufstand zwar richtig, war aber auch in Sorge, dass dieser in Anarchie endete. „Dann rate ich euch: seid mäßig und prüft lange und möglichst vernünftig, bevor ihr etwas beginnt. Nur mit Ordnung kommt man zu Freiheit. Bloße Revolution, also rein plumpes Umstürzen wollen ist der Untergang für alle.“
Widersprüche, die auch in der Ausstellung im Wil­­­helms­ha­vener Marinemuseum sichtbar werden. Sie erzählt von der verbreiteten Friedenssehnsucht, aber auch wie teils blutig über die künftige Ordnung des Reichs gestritten wurde. Anhand von zwölf der Marine verbundenen Akteure werden die verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Beziehungen beleuchtet. Vor allem die Verbindungen und Beziehungen von einzelnen Personen sowohl aus der Marine, dem Bürgertum und von Intellektuellen mache die Ausstellung sehenswert. „Der Besuch hat sich gelohnt“, so Fischer. Vor allem auch „um den gro­ßen überregionalen Bogen zu sehen“.
Unter dem Motto „Die Revolution rollt“ macht Anfang November auch der Verein „Weimarer Republik e.V.“ in Cuxhaven Station. Denn das sich die Revolution im Herbst 1918 mit so rasanter Geschwindigkeit über ganz Deutschland ausbreiten konnte, lag auch an der Eisenbahn. Diese Geschehnisse machen Schauspieler an mehr als 30 Bahnhöfen mit Flashmob-Aktionen erlebbar. Damit wollen sie nicht nur an die Novemberrevolution erinnern, sondern auch an die Aktualität ihres Anliegens 100 Jahre später. Dass sie dabei nach Cuxhaven kommen, liegt ebenfalls an Ringelnatz, so Fischer. Denn sie hatte dem Verein „Weimarer Republik“ das Kapitel „Revolution“ aus der tagebuchhaften Erzählung geschickt, und die Mitglieder so überzeugt, dass auch Cuxhaven ein Schauplatz der Revolution war.

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